Dienstag, 31. Juli 2012

challas, das wars.

wenn man aus israel zurück fliegt, muss man drei stunden vor abflug am flughafen sein. für die meisten menschen bedeutet das drei stunden langweilige wartezeit. nicht so für mich. 
ich steige aus dem taxibus aus, hab nicht alle meine sachen in der hand, und werde schon vom ersten sicherheitsbeamten angehalten. passport? ja klar, moment. nach eingehender betrachtung meines fotos (ja, ich weiß, ich habe da eine andere brille), ist er so nett und lässt mich das fluhafengebäude betreten. 
(alle anderen, die mit mir im bus saßen, sind längst drinnen.)

man muss durch die erste sicherheitskontrolle, bevor man überhaupt den schalter erreicht. ich finde die für mich zuständige warteschlange, werde von einer dame in blauer uniform von oben bis unten angeguckt. kopfschütteln. nein, du stellst dich da drüben an.
was ist los? was hab ich an mir? 
fragerunde nummer eins. du hast aber nicht die gleiche brille wie auf dem foto! seit wann bist du hier? warum so lange? oh, du hast kunst studiert? das ist ja interessant. was denn? malst du? oder machst du skulpturen? 
und ich dachte nur: DAS ghört zu den fragen? wollt ihr gar nicht wissen, ob und wie lange ich in den palästinensischen autonomiegebieten unterwegs war?
als nächstes bleibt meine tasche minutenlang im röntgengerät. als sie raus kommt, teilt mir eine weitere sicherheitsameise mit, dass ich mich bitteschön da drüben anstelle, eine durchsuchung ist nötig. 
fragerunde nummer zwei. seit wann bist du hier? warum so lange? oh, du hast kunst studiert?
...
dann wird meine tasche auseinander genommen. komplett. 
was ist das? 
eine radiernadel. 
was? und was ist das? 
eine druckplatte. 
aha? 
naja... ich hab.... kunst studiert, und... 
achja, stimmt. alles ok. 
endlich ist sie fertig, murmelt was von 'sorry for the balagan', und ich stehe zum zweiten mal an diesem tag vor dem problem, alles wieder irgendwie in dieser tasche unterzubringen. 

endlich, ich darf einchecken. 
dachte ich. 
nein, ich werde von zwei neuen sicherheitsameisen zum schalter begleitet. zum sicherheitsschalter. da krieg ich mein ticket und meine tasche kriegt ihren aufkleber, aber ich warte vergeblich darauf, dass sich das band bewegt, und sie sich schon mal richtung flugzeug bewegt. 
die frau am schalter sagt: deine tasche nimmst du wieder mit. da vorne, um die ecke, da ist ein aufzug für "spezielles gepäck". ich setz mich in bewegung, und sie ruft den beiden anderen ameisen auf hebräisch zu: "ihr lasst die doch nicht etwa allein gehen??" und schon ist meine persönlich eskorte wieder da. 
nachdem ich die tasche abgegeben habe, folgt das gleiche spiel noch einmal. 
diesmal mit meinem handgepäck. ich warte eine halbe ewigkeit, und auf einem info-bildschirm neben mir wird gezeigt, wie die sicherheitskontrolle ablaufen soll. 
nachdem der dümmlich grinsende schauspieler mit seinem roten tshirt die kontrolle durch die unglaublich freundliche beamtin zum geschätzten dreiundzwanzigten mal durchlaufen hat, bin auch ich endlich fertig. 
nicht ohne auskünfte über mein studium zu geben. (aha? mit öl? oder mit acryl?). 
aber wenigstens ist mein laptop jetzt nicht mehr so staubig.

nachdem bei der handgepäckkontrolle jeder gegenstand, der ansatzweise scharf sein könnte, sorgfältig aussortiert wurde, finde ich im "größten duty-free-shop der welt" rasierklingen im sonderangebot. 

irgendwann sitze ich im flugzeug und denke: das wars? das war ein jahr in israel? es kommt mir vor wie geträumt. als wär ich gar nicht weg gewesen. die tränen laufen, und die stewardess schenkt mir schokolade.

Montag, 30. Juli 2012

jerusalem, ich liebe dich.

aber ich muss dir sagen: es ist vorbei. 
ich werde dich verlassen. und zwar noch heute. 

aber irgendwann werden wir wieder zusamen sein,
da bin ich mir sicher. 

Donnerstag, 19. Juli 2012

der rabbi ist tot - es lebe der rabbi


als ich gestern nach hause gelaufen bin, sind mir, nur wenige meter von meinem haus entfernt, einige polizei- und krankenwagen aufgefallen, mitarbeiter der stadtverwaltung waren dabei, eine straße abzusperren, und einige orthodoxe standen schaulustig herum.  
schon wieder irgend ein feiertag? was hab ich diesmal verpasst? 
die antwort kam im handumdrehen übers internet: rabbi elyashiv ist tot. 
endlich, möchte man sagen, denn im alter von 102 jahren und nach langem krankenhausaufenthalt muss man auch mal sterben dürfen. ein paar minuten später bin ich selbst nur knapp einem herzinfarkt entgangen: die, zu dem in unserem hinterhof gelegenen schulhof der religiösen schule gehörenden lausprecher meldeten mit ihrem altertümlichen knacken ihre baldige aktivität an. und dann wurde ein klagegesang angestimmt, der bei allen anwesenden spontane gänsehaut verursachte. und zwar in einer laustärke, die der eines mittelgroßen festivals in nichts nachstand. 

als wir eine halbe stunde später das haus verlassen, ist unsere straße bereits komplett gesperrt und ein meer aus schwarzen hüten und mänteln strömt in richtung mea shearim. sanitäter verteilen wasser an die schwitzende menge und in den offenen krankenwagen wird denen luft zugefächelt, denen das ganze jetzt schon zu aufregend ist. riesige lautsprecherboxen hängen an einem kran, und es wird weiter unheimlich mitleiderregend ins mikrofon geweint. hubschrauber ziehen ihre kreise über dem emotionalen spektakel. 

nachts um 3 sieht die gegend aus, als wäre nichts passiert. zummindest wenn man von den bergen aus leeren plastikflaschen und anderem müll absieht, die jedes mal entstehen, wenn sich eine aus ultraorthodoxen bestehende gruppe zusammenfindet. 

heute morgen hat die zeitung offizielle zahlen enthüllt: 250.000 menschen aus halb israel sind für den trauerzug nach jerusalem gekommen. ein video der jerusalem post gibts hier

mittlerweile scheint zwar die größte aufregung zwar vorbei, aber seit stunden wird feuerwerk in die luft geschossen. vormittags. 
und ich dachte immer, feuerwerk würde nur dann sinn machen, wenn es dunkel ist. aber offenbar hab ich mich getäuscht. 

Samstag, 14. Juli 2012

wochenendausflug in den norden


tiberias am see genezareth - mein letzter ausflug im heiligen land. nein, ich werde jetzt keinen kommentar darüber abgeben, dass man nicht übers wasser laufen kann, keine sorge. 
nach dreistündiger busfahrt bin ich gestern vormittag angekommen und wurde von unbeschreiblicher hitze empfangen. 
es ist meistens windig da, deswegen ist es auszuhalten, wurde mir im vorhinein gesagt. wenn der wind sich allerdings anfühlt, als käme er direkt aus einem föhn, macht er überhaupt nichts besser. 

tiberias ist eine stadt, die aussieht, als hätte sie schon bessere tage gesehen - und zwar vor langer zeit. 

das seeufer an sich ist von der stadt aus kaum zu erreichen, aufgeteilt in schmale pazellen, scheint es privatbesitz der jeweiligen hotels zu sein, die bis zu 20 euro für einen tag am wasser verlangen. 

romantisches campen am ufer ist allerdings möglich. ein metallzaun trennt den schmalen streifen wiese, der im winter sicher grün gewesen ist, von der hauptstrasse, ein weiterer vom wasser - denn genau hier ist das schwimmen verboten. das hält die ortsansäesigen familien jedoch nicht davon hab, ihre zelte und grills aufzubauen, und sich wenige zentimeter vom dichten verkehr in die sonne zu legen. 

die frauen sind hier blondiert, und leopardenprint scheint der aktuelle trend zu sein, ebenso wie weit über die lippen hinaus angemalte münder, wahlweise in rot oder pink. ein grossteil der einheimischen männchen signalisiert durch körperhaltung und armbewegungen grosse sympathie zu unseren haarigen vorfahren, und ist offenbar der meinung, dass bekleidung für den oberkörper völlig überbewertet wird. 
endlich weiß ich, wo die leute wohnen, die am wochenende immer vor der toy-bar in jerusalem schlange stehen. 

es ist shabat, also muss ich, ob ich will oder nicht, bis zum späten nachmittag warten um den ersten bus nach hause nehmen zu können. 

in jerusalem angekommen, treffe ich direkt auf meine schwarz-weiß gekleideten freunde. dass sie am samstag auf der steil abfallenden straße zwischen innenstadt und damaskustor stehen, und autos mit lauten "schawwes, schawwes"-rufen am vorbeifahren hindern wollen, kenne ich ja schon. 

dieses mal allerdings haben sie ihre kinder vorgeschickt: an die fünfzig jungs, und vereinzelte mädchen im grundschulalter stehen auf der straße, schreien und werfen schuhe oder leere plastikflaschen, wenn ein autofahrer es wagt, mit seinem motorisierten untersatz die straße zu benutzen. 

schön hier. aber wenigstens zehn grad kälter als in tiberias. 

Donnerstag, 12. Juli 2012

orthodoxe im museum - auf beiden seiten


zu meiner großen schande muss ich gestehen, dass ich es erst gestern zum allerersten mal geschafft habe, ins israel-museum zu gehen. es stand seit der ersten woche auf meiner to-do-list, aber irgendwie ist es nie dazu gekommen. 

(nach wie vor verstehe ich nicht, warum museen im sommer, besonders hier, nicht mit ihrer klimaanlage werben. "30 grad im schatten? kommt ins museum!" es würde funktionieren, davon bin ich überzeugt.)

die aktuelle, wirklich sehr schön gemachte sonderausstellung beschäftigt sich mit dem leben der ultraorthodoxen juden. rituale, kleidung, lebensweise. das ganze ist aufgezogen, wie eine ausstellung über historische gesellschaftsformen, ausgewählte kleidungsstücke hängen von der decke, mit erklärungen daneben, als würde man sich eine ausstellung über das leben der menschem im rokoko ansehen. 
der einzige unterschied: das, was gezeigt wird, ist zeitgenössisch. und trifft offenbar auf reges interesse bei den dargestellten mitgliedern der israelischen gesellschaft. will heissen: die ausstellung war voll von menschen, die genauso aussahen, wie die auf den ausgestellten fotos, und deren kleidung sich nur leicht von der unterschied, die da von der decke hing. 
vor den videos, die verschiedenste zeremonien und feierlichkeiten zeigten, wurde einfach mitgesungen und auch die mesusa, die ausdrücklich als ausstellungsstück am eingang hing, wurde ganz selbstverständlich im vorübergehen angefasst. 

in der abteilung für zeitgenössische kunst dachte ich beim blick aufs namensschild mehrmals: "hey, den kenn ich!" und zwar nicht im sinne von "ich hab den namen schonmal gehört", sondern, "den kenn ich". die kunstwelt in israel ist klein, glaube ich. und ich fühle mich nach einem jahr an der bezalel, als würde ich dazugehören.

was mich wirklich irritiert hat, war der umgang mit informationen. von außen ist alles dreisprachig beschriftet. sowohl der name des museums, als auch eingang, ausgang und museums-shop sind auf hebräisch, arabisch und englisch zu lesen. 
drinnen findet das ganze ein plötzliches ende. zwar findet man hier und da noch eine überschrift auf arabisch, wie in der riesigen historischen abteilung, wo in großen lettern dreisprachig gefragt wird "was ist glas?" 
die erklärung darunter folgt dann allerdings nur auf hebräisch und englisch. 
in den räumlichkeiten für kunst und auf zetteln, die man sich an manchen stellen mitnehmen kann, fehlt die arabische beschriftung komplett.  

allerdings muss ich dazu sagen, dass ich im ganzen museum keinen einzigen besucher gesehen habe, dem ich spontan arabisch als muttersprache zuordnen würde.

und ich nehme auch nicht an, dass der ausstellung über orthodoxes leben eine über muslimische traditionen und bräuche folgen wird. 

Sonntag, 8. Juli 2012

grüße aus palästina


wir wandern nach jericho, das war schon einmal geplant. um sicherzustellen, dass wir jericho auch wirklich sehen,  fahren  wir direkt mit dem bus dorthin, und planen, die andere hälfte des beim letzten mal wegen dunkelheit abgebrochenen wadi-qelt-trails rückwärts zu laufen. 

die tatsache, dass es jetzt juli und nicht mehr april ist, und dass wir wesentlich weiter unten, also bei wesentlich höheren temparaturen anfangen, und bergauf laufen müssen, haben wir geflissentlich ignoriert - was dazu geführt hat, dass wir nach ca. zwei kilometern unsere wanderschaft abgebrochen haben und nach jericho zurückgekehrt sind. 37° und gnadenlose sonne sind offenbar nicht die richtigen bedingungen für vier hellhäutige europäerinnen. 

die ausgrabungsstelle vom antiken jericho, der ältesten stadt der welt, ist mit eindrucksvollen, wenn auch sehr verblichen informationstafeln geschmückt, die fotos von treppen und torbögen zeigen. 
das tatsächliche loch in der erde, was sich direkt neben den schildern befindet, ist dagegen nichts weiter als ein loch in der erde. ich konnte, selbst mit größter beanspruchung meines vorstellungsvermögens, nichts von dem erkennen, was auf den fotos aus den 50ern dargestellt ist. 

zurück in der innenstadt, die mehr einem dorfplatz gleicht, lassen wir uns im schatten nieder und trinken kaffee. der freundliche ätere herr, der uns den kaffee serviert setzt sich zu uns, spricht relativ gut englisch und fängt an, sich mit uns zu unterhalten. er erklärt uns, dass er nach islamischem gesetz zwar das recht hätte, vier frauen zu haben, ihm aber seine beiden schon mehr als genug sind, und dass man ja verrückt sein müsse, es mit vieren aufzunehmen. auf die frage, ob er es gerecht finden würde, dass frauen auch vier männer haben dürften, lacht er und meint, man müsse es ja nicht gleich übertreiben. über zwei ließe sich diskutieren, aber vier? 

wir überlegen, eine wassermelone zu kaufen, im obstladen an der ecke, er bekommts mit, springt auf und sagt: wartet, ich lege sie für euch in die kühlung, die sind ja jetzt total warm von der sonne. sagt's, schnappt sich eine melone, spaziert damit zum benachbarten metzger, und legt sie zwischen das rohe fleisch. 

direkt neben dem metzer, mit all seinen gehäuteten, aufgehängten schafen und hühnern im schaufenster, befindet sich übrigens die örtliche tierarztpraxis. 

plötzlich, und ohne dass irgendeine ahnung habe, warum, kippt die stimmung, und er fängt eine lobrede auf hitler zu halten. als er merkt, dass er damit bei uns nicht auf gegenliebe stößt, und als er die hebräischen buchstaben auf meinem arm entdeckt, verlässt er den tisch. 

wir beschließen die rückreise über ramallah anzutreten, wo wir in eine imposante demo geraten. der redner brüllt koranverse ins mikro, die komplett schwarzweiß gekleidete, und nach männern uns frauen getrennte menge wiederholt sie rhytmisch und schwenkt die mit weißer, arabischer kalligraphie geschmückten schwarzen flaggen im gleichtakt. 
nachdem uns niemand übersetzen will, worum es geht (plötzlich spricht niemand mehr englisch, aber zumindest das wird uns auf englisch gesagt), treffen wir auf einen kanadier, der uns erklärt, dass natürlich die befreiung palästinas das thema ist, allerdings hauptsächlich bezogen auf die rückeroberung jerusalems und auf die zerstörung des jüdischen staates. 

eine gewaltige energie liegt in der luft, vergleichbar mit der, die ich letzte woche in tel aviv erlebt habe, auch wenn diesmal wesentlich weniger menschen an der kundgebung teilnehmen. während die stimmung am mittelmeer allerdings positiv und voller tatendrang war, ist sie hier aggressiv, und voller feindseligkeit. 
plötzlich werden wir mit der begründung, nicht angemessen gekleidet zu sein ("das hier sind echte moslems, und ihr seid eine beleidigung für echte moslems. verschwindet von hier!") zum gehen ermuntert. 
was wir dann auch tun. 

Sonntag, 1. Juli 2012

wir sind das volk


ich bin gestern, eher ungeplant, in tel aviv auf dem habima-platz, am ende des rothschild-boulevards gelandet, von wo aus im letzten sommer, und jetzt wieder seit ein paar wochen die samstäglichen proteste starten. 

ich kam gegen halb sieben dort an, und der platz war voller menschen. familien mit kleinen kindern, fahrrädern, rollschuhen, picknickdecken, fußbällen, bobbycars und frisbeescheiben. 
bin ich hier überhaupt richtig?
eine halbe stunde später hatte sich eine gruppe polizisten, an einer ecke des platzes auf die bänke gesetzt, und tat nichts. es sah fast aus wie eine klassenfahrt der polizeiakademie.
eine weitere viertelstunde später hatte sich die gruppe vervielfacht, es waren jetzt mindestens fünfzig. 
doch, ich glaube, ich bin hier richtig.

langsam kommen mehr und mehr weißblaue polizeifahrzeuge, in allen größen und ausstattungen, vom roller bis zum mannschaftswagen und besetzen fast die komplette straßenseite des platzes. 
als dann ein reisebus, der mit großen lettern etwas von touren durchs heilige land verkündet, anhält, und eine weitere ladung bewaffneter ordnungshüter ausspuckt, habe ich aufgehört, ihre zahl zu schätzen. 


ein übertragungswagen eines landesweiten nachrichtensenders bezieht stellung, dann ein zweiter. dieser fährt eine imposante antenne aus, höher als die straßenlaternen, an deren spitze überwachungskameras in mehrere richtungen zeigen. 

die ersten eltern packen ihre sachen, die kinder müssen ins bett. 
nach und nach wird das gesamte bunte plastikspielzeug durch nicht weniger bunte pappschilder und durch viele schwarz-weiße anonymus-masken ersetzt, und der ü-wagen wird zur kinderattraktion schlechthin.
das blaulicht auf den autos der freunde und helfer mischt sich mit der untergehenden sonne und verbreitet eine merkwürdige stimmung. 

es ist bereits ganz dunkel, aber immer noch unglaublich heiss, als sich der menschenstrom, der die polizisten zahlenmäßig sehr schell überholt und hinter sich gelassen hat, in bewegung setzt. 

8.000 menschen, habe ich heute morgen in der zeitung gelesen. 
nach 800m auf zwei hauptstraßen, die feinsäuberlich für autos gesperrt sind, soll der zug ein ende haben. an einer großen kreuzug, etwa nach der hälfte der strecke, brechen einige hundert aus, halten die veranstaltung für karneval, und dass man von ordnern in gelben warnwesten höflich aufgefordert wird, doch wieder auf den vorgegebenen weg zurück zu kehren, stimmt natürlich niemanden um. 

wir sind genug, die gruppe ist groß und wir können auch so mitten auf der straße laufen, ohne dass etwas passiert. die meisten autofahrer, die uns sehen, winken uns zu, hupen im takt der sprechchöre, singen mit. 
zumindest die, die uns entgegen kommen, und deren fahrbahn wir nicht blockieren. 

die stimmung ist super. jede große kreuzung wird für ein paar minuten besetzt, und nur einige religiöse mitmenschen, die gerade, endlich, nach 24 stunden die freuden des autofahrens wieder erleben können, zeigen sich weniger erfreut. aber von der gewalt, die ich in den letzten beiden wochen in den nachrichten verfolgt habe, keine spur. 

wir wandern weiter durchs nächtliche tel aviv, und nach ungefähr vier stunden kommen wir wieder am rothschild-boulevard an. einige fangen an, zelte aufzubauen, aber es bleibt bei einer handvoll. zudem gibt es hitzige diskussionen darüber, welches megaphon das lauteste ist. 

ich kehre irgendwann zurück nach jerusalem. praktischerweise ohne straßenblockade. 


(das untere foto ist übrigens nicht von mir. nur so zur info. wer mich findet, kriegt ein eis.)

Mittwoch, 13. Juni 2012

"das ist unnormal und ekelhaft"


gestern habe ich auf dem weg von der uni nach hause ein mädchen aus meiner klasse in der sprachschule getroffen. eine muslimin, muss ich dazu sagen, sonst ergibt der ganze blogpost keinen sinn. in der hand hatte ich ein poster, eines der fotos, die ich auf der gay-parade in tel aviv gemacht habe, ausgedruckt auf din a 3. es zeigt ein schwules paar, nur mit hotpants und sonnenbrillen bekleidet, einer von beiden mit schwarzen engelsflügeln. (ein bisschen weiter unten auf diesem blog könnt ihr es sehen.) 

meine klassenkameradin wollte wissen, was ich da mit mir herumtrage, und ich dachte, ok, jetzt wirds interessant. ich entrolle das poster, zeige es ihr, sie schlägt sich die hand vor den mund und macht einen schritt rückwärts. ihre freundin, die dabei war, dreht sich direkt ganz um, hält sich die hand vor die augen. 

iäh, das ist ekelhaft, hast du das gemacht? warum machst du solche fotos?? sie sind beide sichtlich schockiert. 
das ist unnormal, lo regulari, sowas ist krank, wird mir erklärt. und in tel aviv dürfen die sogar ein straßenfest machen. wer erlaubt sowas? hast du was mit solchen leuten zu tun? redest du mit denen? 

man darf sich diese beiden mädchen allerdings nicht als graue mäuse mit mantel und kopftuch vorstellen. im gegenteil. enge jeans, gefärbte strähnchen in den haaren, make-up, glitzernde fingernägel und 24/7 mit dem iphone bei facebook unterwegs. 

trotzdem: so weit, so erwartet. nachdem ich aber das poster wieder zusammengerollt habe, wir uns also wieder normal unterhalten können, erzählt sie mir, dass sie gerade aus der uni kommt,  und ein seminar zu dem thema hatte. zuerst bin ich einigermaßen positiv überrascht, denn sie studiert an der arabischen "al quds universität". aber dann kommt heraus, dass es in diesem seminar um die frage ging, ob man "die" als mitglieder der gesellschaft anerkennen kann. und das traurige ergebnis dieser veranstaltung war, dass  studenten und dozenten sich offenbar einig darüber  waren, dass man genau das eben nicht kann.  

ein seminar in der uni? ganz offiziell? und dann mit diesem ergebnis? was ist das für eine welt? 

ich habe übrigens darauf verzichtet, mich danach zu erkundigen, was ihrer meinung die lösung für dieses "problem" wäre. 

Freitag, 8. Juni 2012

es geht auch anders

ich hatte schon fast ein schlechtes gewissen, euch mit diesem letzten, nicht gerade fröhlichen blogpost allein zu lassen, und wochenlang nichts neues zu schreiben. aber es ist einfach nichts wirklich schreibenswertes passiert.
bis heute. und passend zum letzten post geht es wieder um eine demo, allerdings eine demo ganz anderer art:
die "gay pride parade" in tel aviv. 
ausgelassene stimmung, regenbogenflaggen und plüsch-hotpants bei 31° im schatten in israels partymetropole. 
und ganz anders als bei anderen straßenfestivals sind die bürgersteige nicht besetzt mit überteuerten getränkeständen, nein, es gibt wasser gratis. und dazu ein hebräisch-englischer sprachführer, in dem es ausschließlich um (schwule) flirt-sprüche geht. 



einer meiner profs in der uni hat es als persönliche herausforderung begriffen, ein videoarchiv zeitgenössischer israelischer künstler zu schaffen. momentan gibt es eine ausstellung mit insgesamt mehr als 40 künstlern und auch wir vier (miniaturkurs), sind mit je einer arbeit vertreten. vorgestern wurden wir dann zu genau dieser austellung zitiert, saßen auf dem boden herum, aßen erdnüsse und guckten uns an, wie diese interviews aufgenommen werden. 

plötzlich dreht sich der prof zu mir um, guckt mich an und sagt: "du bist dran."
große augen meinerseits. "ich?!" 
"ja, was glaubst du denn? ihr seid alle dran. yalla!"
ich hasse es, über meine bilder zu sprechen. unter vier augen ist es schon schwer, aber mit 15 leuten drumherum, die ich zum großteil  noch nicht einmal kenne, ist es fast unmöglich. und die kamera und die scheinwerfer habe ich ja noch gar nicht erwähnt. 
aber gut. bleibt mir etwas anderes übrig? ich setze mich hin, und als erstes fällt das mikro, das ich mir an den kragen klemmen soll, auseinander. ich habe zwei teile in der hand, und bin nicht fähig, sie wieder zusammen zu setzen. alle gucken mich an, und nein, es ist mir überhaupt nicht peinlich. 

meine hände sind nass und ich hab das gefühl, man kann von außen mein herz klopfen sehen. 
hebräisch? äh, ok. hebräisch. 
ein paar worte zu mir, studentenaustausch, bauhaus, malen, wie bin ich in dem kurs gelandet. es geht, und die kamera ist auch gar nicht soo schlimm. 

"was hälst du von dem zusammenhang zwischen dieser speziellen gruppenausstellung und der aktuellen politischen situation in israel?" 
"bitte?!"
sein assistent übersetzt ins englische. 
du brauchst mir das nicht übersetzen, ich habs auch so verstanden, danke. 
aber... aber ich kann und will nichts dazu sagen, und das liegt nicht an der sprache. 
der prof versucht es nochmal, und wieder weigere ich mich, eine antwort zu geben. 
sichtlich enttäuscht und genervt fragt er noch zwei, drei andere dinge, und dann bin ich entlassen. 

ich hoffe, sie schneidens einfach raus, und ich hoffe, ich kriege dieses video nie zu gesicht. 
aber hey, ich bin jetzt im archiv zeitgenössischer israelischer künstler.

Mittwoch, 23. Mai 2012

jom yirushalaim

...oder: "jerusalem tag", der tag an dem die befreiung jerusalems nach dem sechs-tage-krieg 1967 gefeiert wird. 
oder die besatzung der altstadt und ostjerusalems, je nachdem aus welchem blickwinkel man es betrachtet. 

schon am späten nachmittag hört man in regelmäßigen abständen einen hubschrauber über der stadt kreisen, und die zahl der polizisten und soldaten in voller montur in der nähe des damaskustores steigt, je später es wird. 

in der innenstadt häufen sich die braun-orangefarbenen busse aus den siedlungen, sie spucken hunderte von menschen aus, jeder von ihnen mit israel-flagge im handgepäck. sie sammeln sich auf der jaffa-straße, haben blau-weiße herzchen ins gesicht geschminkt. (ist schon wieder unabhängigkeitstag?)
langsam setzt sich dieser riesenhafte menschenstrom in bewegung. richtung altstadt. 
am damaskustor ist mittlerweile alles abgesperrt, es ist nicht möglich, die altstadt von ostjerusalem aus zu betreten, überall polizisten, soldaten und sicherheitskräfte. überall waffen. 
die anwohner des muslimischen viertels wurden bereits am tag vorher mit flyern darüber informiert, ihre geschäfte früher zu schließen und selbst am besten zu verschwinden.

die große gruppe nationalistischer israelis läuft, beflaggt mit blauen davidsternen, auf das tor zu. richtung westen ist es geöffnet. ich laufe mit ihnen ein stück in die altstadt hinein, stelle mich dann an die seite und lasse sie an mir vorbei ziehen. aus voller kehle werden loblieder auf die stadt jerusalem, auf die goldene stadt (war das nicht eigentlich prag?) gesungen, doch fröhlich klingt hier gar nichts. plötzlich fängt ein jugendlicher an, "mawet le arawim" zu brüllen, "tod den arabern", und innerhalb von sekunden brüllen alle mit. 
ich überlege, ob ich mit richtung klagemauer laufen soll, ich bin wirklich neugierig, entschließe mich dann aber dagegen, irgendetwas mit diesen menschen zu tun haben zu wollen, und verlasse die altstadt wieder. 
beim hinausgehen kriege ich mit, wie sie gegen die geschlossenen türen der geschäfte treten und schlagen, und hoffe, so traurig es ist, dass auch wirklich alle bewohner dieses teils der altstadt den gestrigen flyer gelesen haben.
am nächsten tag versuche ich herauszufinden, ob irgendetwas passiert ist, als der mob am tempelberg ankam, aber ich kann keine informationen finden. entweder es war wirklich nichts, oder die zeitungen schweigen darüber. 
und keiner meiner freunde war dort, "jerusalemtag find' ich scheiße, ich war zuhause und hab mir nen film angeguckt" war die häufigste antwort auf meine frage. "keine ahnung, was da passiert ist, warscheinlich nichts."

Donnerstag, 10. Mai 2012

als einzelne schickse unter tausenden orthodoxen

ich habe gestern um 9 das haus verlassen, um zur uni zu gehen, und bin heute um 14 uhr wieder nachhause gekommen. zwischendurch musste ich mich verkleiden, habe circa 400km mit dem bus zurückgelegt und hätte mich fast auf den falschen platz gesetzt.
aber der reihe nach. 
 
gestern abend gab es mal wieder eine zeremonie, wie so oft in diesem land. diesmal "lag ba'omer". es werden überall lagerferuer angezündet, es wird gegrillt und getrunken, unter anderem als erinnerung an einen aufstand gegen die römer im zweiten jahrhundert.
ich war gerade mit ein paar freunden dabei marshmellows zu verbrennen, als jemand kundtat:
"also, ich fahre jetzt nach meron. kommt jemand mit?"
"moment," sag ich, "meron, meron, das kommt mir so bekannt vor, da war dieser text in meinem hebräischbuch, mit dreijährigen jungs, die zum ersten mal ihre haare geschnit..."
"vergiss dein hebräischbuch! das ist woodstock! nur mit schläfenlocken", sagt er und dreht die seinen um den finger. 
 
ein blick aufs handy verrät mir, dass es schon kurz vor zwei ist. ich wollte längst schlafen. morgen ist doch uni... "wie kommen wir da hin? wie weit ist das?"
"bus! drei stunden. vielleicht vier, wenn stau ist."
mit dem bus? um diese uhrzeit? ob er sich da sicher ist? und so weit weg? aber egal, denke ich mir, ich komme mit. und das gemisch aus rotwein und arak in meinem kopf unterstützt mich darin.  
 
du musst dich umziehen, kriege ich gesagt. tshirt und hose, das geht nicht. langer rock und lange ärmel. wenigstens hat dein tshirt keinen ausschnitt. 
 
ich besitze überhaupt keinen langen rock, aber eine halbe minute später wird mir schon einer in die hand gedrückt. 
 
wir fahren mit dem taxi zu ihm, er wohnt in einem kellerraum eines mehrfamilienhauses, und auf den zweiten blick sehe ich, dass es nicht etwa ein besonders hohes bettgestell ist, auf dem seine matratze thront, sondern fein säuberlich aufgereihte bücherstapel. eingeschweißte bücher, religiösen inhalts. das ganze zimmer, geschätzte zwei mal drei meter groß, ist voll davon. 
 
"ich geh jetzt in die mikve. du bleibst hier." okay... wenn du das sagst.
eine halbe stunde später kommt er zurück und wir gehen. an der bushaltestelle warten wir ewig, es ist mittlerweile kurz vor drei, und alle fünf minuten kommt ein neuer reisebus und behauptet, der letzte zu sein. das problem ist nur: sie sind alle voll! wo kommen die her? und wieso halten die überhaupt an, wenn die doch sowieso keinen mehr einsteigen lassen. und wieso verdammt, sind so viele menschen genau jetzt, mitten in der nacht, auf dem weg nach meron? 
 
die straßen sind voll von ultraorthodoxen, ich hab noch nie vorher so viel yiddish auf einmal gehört. 
 
schließlich schaffen wir es, in einen bus einzusteigen. platz gibts nicht, wir legen uns auf dem mittelgang auf den boden. 
 
nachdem alle meine körperteile einmal einzeln eingeschlafen sind, und ich nach zwei stunden als ganzes wieder wach bin, ist es hell draußen und der alkohol hat sich verflüchtigt. was tue ich eigentlich hier? ich fühle mich wie ein spion. solange sie glauben, ich bin eine von ihnen, ist alles in ordnung. zwei mädchen tuscheln über meine tätowierung am knöchel. glücklicherweise können sie die anderen nicht sehen. 
 
es ist sechs uhr morgens, als wir ankommen, aber es wirkt ganz und gar nicht so wie auf einem festival am morgen nach dem haupt-abend. es sind tausende von menschen unterwegs. religiöse schriften werden verkauft, die nachmann-jünger tanzen zu ihrem lautstarken techno aus riesigen boxen, es gibt reihen von wasserhähnen aus denen man kaffee und tee zapfen kann. das essen ist umsonst und die müllberge riesig. als die müllabfuhr in jerusalem vor ein paar monaten für 10 tage gestreikt hat, sa es dort genauso aus... nur hierhat sich das alles innerhalb von noch nicht einmal 24 stunden angesammelt. 
 
das herz des "festivalgeländes" bildet das grab von rabbi schimon ben jochai. hier ist die musik live und die menschenmassen strömen, und drängen sich, nach männlein und weiblein getrennt, in das innere der gebäudes vor. auf meiner seite sieht man nicht viel. man hört musik und getöse, aber alles, was man zu sehen bekommt ist ein weißer zaun, mindestens zwei meter hoch. die mädchen und frauen benutzen den zaun als improvisierte klagemauer und wippen, die thora im miniformat in der hand und den text murmelnd, mit dem oberkörper hin und zurück. ich bin groß genug um der kamera blind über den zaun zu fotografieren: drüben eine schwarze masse, dichtgedrängt tanzen die männer mit schwarzen anzügen, hüten und bärten. 
 
ich kämpfe mich zur grabkammer vor, bleibe jedoch nur wenige sekunden. hunderte von frauen, aneinandergepresst, stehen und beten, tränen laufen über wangen, ich fühle mich fehl am platz und bin gleichzeitig total beeindruckt. 
 
wieder draußen stoße ich auf mehrere bühnen, auf denen im laufe des tages verschiedene rabbiner sprechen werden. noch sind sie leer, und die zuschauerbänke sind bevölkert mit schlafenden, essenden oder betenden orthodoxen. auch hier: ich kann mich nicht erinnern, so viel müll und soviel nahrungsmittelverschwendung jemals auf einem haufen gesehen zu haben.
ich laufe kreuz und quer übers gelände, mache fotos, langsam wird es heiß. pulli auszie- ach nein, das darf ich ja nicht. gegen zehn hab ich genug. mag sein, dass es erst gegen mittag richtig, richtig voll wird, aber ich hab das gefühl, ich kann nicht mehr. eine mischung aus schlafmangel und der extremen intensität dieses ortes, dieser menschen hier, sorgen dafür, dass ich mich auf den weg zum bus mache. auch der weg zum bus ist nach frauen und männern getrennt, was für mich persönlich keinen sinn macht. auf einem großteil des geländes kann man gemeinsam rumlaufen, aber der weg zum bus ist beschildert, und securitymenschen mit neongelben westen sorgen dafür, dass die trennung auch eingehalten wird. 
 
ich steige in den grünen egged-bus mit dem jerusalem-schild in der windschutzscheibe. ziemlich voll. in der dritten reihe ist ein platz frei, und ich frage, ob ich mich setzen darf. keine reaktion seitens des gefragten, aber ich spüre wie mich mindestens acht, von schläfenlocken eingerahmte augenpaare aus der nächsten umgebung anstarren. eine halbe sekunde später dämmert es mir: das ungeschriebene gesetz, das besagt, dass frauen hinten im bus sitzen müssen, ist in linienbussen angreifbar - aber ganz bestimmt nicht in einem bus, der nur dafür da ist, menschen von einem ultraorthodoxen festival zurück in die heilige stadt zu bringen. ich murmle etwas von entschuldigung und mache mich auf den weg  in die vorletzte reihe. 
 
das mit der uni hat sich für heute erledigt. ich werde jetzt erstmal schlafen gehen.

(fotos folgen)

Sonntag, 29. April 2012

kibbuznik für drei tage

dafür dass dieses land so unglaublich klein ist, ist es erstaunlich, wie oft ich hier schon das gefühl hatte, eine völlig neue welt zu entdecken.
diesmal: das kibbuz. 
 
ich war mit einer freundin übers wochenende im kibbuz messilot, einem "echten", keinem von diesen arbeitslagern für touristen und freiwillige. es gehört zu den ganz wenigen, die tatsächlich noch so funktionieren wie am anfang: jeder hat arbeit innerhalb des kibbuz, jeder verdient das gleiche geld, jeder hat den gleichen wohnraum. es gibt einen speisesaal, eine schule, landwirtschaft, fische, kühe, schafe, pferde. (letztere nur so, zum spaß.) nur das mit den kinderhäusern und der kibbuznik-uniform, das haben sie abgeschafft. messilot wurde 1938 gegründet und zählt 300 einwohner,  in direkter nachbarschaft befinden sich zwei weitere kibbuzim. 
 
schaltet man den fernseher an, findet man einen kibbuzeigenen informationskanal, der ist ständiger wiederholung erklärt, wann die krankenschwester da ist, wann der pool geöffnet ist, welche aktivitäten wann für die kinder stattfinden, was es im speisesaal zu essen gibt. 
 
die türen werden selten abgeschlossen, die fahrräder nie. jeder kennt jeden und die hunde und katzen sind gleich in mehreren häusern zuhause. es gibt keine straßen, nur wege, und an deren rändern wachsen kräuter für den tee und auf den wiesen dazwischen stehen obst- oder olivenbäume. 
 
messilot liegt in der nördlichen hälfte von israel, da wo es relativ grün ist, weil es überall wasser gibt. kleine flüsschen, kanäle, quellen in denen man schwimmen kann.  der langnese-eiswagen verkauft eis an die kleinen und wasserpfeifentabak an die großen kinder. 

alles in allem nicht unähnlich einer großen schrebergartensiedlung, nur ohne zäune, ohne hecken. und ohne diese deutsche ordnungsliebe. alles ist ein bißchen kaputt, und verblasst von der sonne, die schon im april gnadenlos brennt. 30°c. im sommer steigt das thermometer nicht selten auf 45°c. 

ohne auto ist man aufgeschmissen, aber die meisten kibbizniks haben sowieso kein verlangen, regelmäßig die große stadt zu besuchen. man ist sich selbst genug. und wenn man doch mal ausgehen will: im kibbuz nebenan gibt es eine bar. 
 


Donnerstag, 26. April 2012

herzlichen glückwunsch zum geburtstag

unabhängigkeitstag in israel. dass es überall souveniers mit blauen davidsternen zu kaufen gibt, fällt mir ja schon seit dem holocaust-gedenktag auf. in der  vergangenen woche hat sich die blau-weiße verfärbung der stadt allerdings nochmal dramatisiert. (wenn ich es nicht besser wüsste, und es jetzt auch noch brezeln und weißwürste geben würde, würde ich denken, ich bin in bayern.)
 
gestern abend, nachdem alle mit dem trauern um die gefallenen soldaten fertig waren (dieser gedenktag fing vorgestern abend mit einer sirene an, und gestern früh gabs nochmal eine) wurde ganz schnell auf partystimmung umgeschaltet: erez israel wird 64 jahre alt. 
 
die stadt ist voll, wirklich voll von menschen. karneval auf der kö ist nichts dagegen. israelische flaggen in den fenstern, an den häuserwänden, an haarspangen, schals, auf tshirts, feuerzeugen, luftballons, und auf cowboyhüten. viele tragen ihre flagge auch als eine art superhelden-umhang.
für mich: sehr befremdlich. 
 
ich weiß, es ist nicht zu vergleichen und ich darf das auch eigentlich gar nicht sagen, aber wenn ich mir vorstelle, dieses spektakel (in schwarz-rot-gold) am 3. oktober in deutschland... die npd wäre im siebten himmel. 
 
glücklich, dem innenstadtgetummel zu entfliehen, finde ich eine party weit außerhalb, bei meinen freunden vom empty house. ohne flaggen, ohne nationalhymne. dafür mit lagerfeuer und rotwein.
und einem hund namens adolf. 
was, ganz ehrlich, nicht weniger befremdlich ist.


Montag, 23. April 2012

wadi qelt - palästina mal ohne soldaten und aktivisten

wir wandern nach jericho - zumindest war das die anfangsplanung. 18km, pff, das ist doch gar nichts, los gehts! auf dem weg dorthin gibt es ein kloster, quasi in den fels gehauen, total beeindruckend, das müssen wir uns angucken.
von unser planung blieben nur die ersten beiden worte - wir wandern -, denn wir haben es weder nach jericho noch zu diesem kloster geschafft. 
 
18km wandern schön und gut, aber von 18km klettern hat niemand was gesagt. spätestens nach einer halben stunde war klar: das wort "trail" bezieht sich nur auf die farbigen markierungen, die regelmäßig auf irgendwelche steine gemalt sind und die richtung angeben. einen weg gabs nämlich nicht. dafür eine atemberaubende landschaft.
teilweise kam mir das ganze unterfangen wie eine natürliche version von "takeshi's castle" vor: du bist gerade mit müh und not auf einen riesigen stein geklettert, abstand zum nächsten stein: anderthalb meter. dazwischen: wasser. allerdings erst zwei meter unter dir. die nächste wegmarkierung auf der anderen seite. guck, wie du klar kommst. an manchen stellen hörte der mehr oder weniger waagerecht verlaufende untergrund einfach ganz auf. stattdessen: eine felswand, vertikal natürlich. miniatur-felsvorsprünge, auf denen gerade die fußspitzen platz hatten. anderthalb meter höher: griffe aus metall in den fels eingelassen. abenteuerspielplatz ohne sicherheitsnetz. 
 
dementsprechend ungläubig habe ich geguckt, als uns plötzlich eine gruppe rüstiger rentner mit wanderstöcken entgegenkam - haben wir etwas verpasst? wo sind die hergelaufen? 
 
trotz allem hätten wir es wahrscheinlich ohne weiteres mindestens bis zu diesem kloster geschafft, wenn nicht meine reisebegleitung jeden dieser wunderschönen, natürlichen pools zum schwimmen genutzt hätte - mit anschließendem sonnenbad selbstverständlich. 
 
wir planen, nochmal in diese gegend östlich von jerusalem zu fahren, und zwar mit dem bus direkt nach jericho, und von da aus dann zu dem kloster zu laufen - allerdings erst in drei oder vier wochen. wenn es bis dahin nicht regnet (und das wird es nicht), ist der wasserlauf ausgetrocknet und die pools sind leer. dann können wir uns ganz aufs wandern konzentrieren. oder eben aufs klettern.


Freitag, 20. April 2012

suche: thermometer. finde: einladung ins ard-studio in tel aviv.

für eine arbeit in meiner installation-art klasse bin ich zur zeit auf der suche nach thermometern. ja, richtig, diese kleinen, unscheinbaren aus plastik, mit einem haken oben dran, die man sich außen ans fenster hängt, um von innen sehen zu können, wie kalt oder warm es ist.
in diesem land allerdings gleicht meine suche einer unlösbaren aufgabe. es gibt hunderte von diesen kleinen mini-baumärkten, oder haushaltswarengeschäften, in der altstadt, außerhalb davon, in jerusalem, in tel aviv. ich glaube, ich war in jedem einzelnen. aber ich ernte jedes mal kopfschütteln.
die meisten schicken mich in die apotheke. (nein, ihr habt mich falsch verstanden, ich weder ein fieber-, noch ein babybadewannenthermometer...) 
die beste antwort allerdings habe ich gestern in tel aviv bekommen: der vor seinem aufgeklappten laptop sitzende verkäufter zuckt mit den schultern und sagt: "sowas hab ich nicht. aber wenn du willst, guck ich schnell online nach, ich glaube es gibt ein entsprechendes i-phone-app."
 
gestern war der nationale holocaust-gedenktag. das heisst, am abend vorher bleiben alle restaurants und bars geschlossen, den ganzen tag über läuft nur traurige musik im radio und in den geschäften gibt es gar keine musik. um 10h morgens ertönt eine sirene und ganz israel erstarrt für zwei minuten. die menschen bleiben da stehen, wo sie gerade sind, autos halten an, die fahrer steigen aus. man hört nichts mehr, außer der sirene. 
 
ich war in tel aviv unterwegs und hab mich um kurz vor 10 zu einer ziemlich großen kreuzung in der innenstadt begeben, um mir das ganze anzuschauen.  plötzlich sehe ich jemanden auf einer bank sitzen und denke: den kenn ich doch! das ist doch... richtig, der ard-moderator, dessen israel-video-blog ich mir regelmäßig im internet ansehe. (sehr zu empfehlen übrigens, hier der link.)
natürlich ist mir sein name nicht eingefallen, also bin ich hin und hab gesagt: "sie sind doch der mit dem blog, oder?" und er grinst mich an und sagt: "ja, ich bin der mit dem blog." keine zeit, sich zu unterhalten, es war wie gesagt kurz vor 10, und er hatte sein kamerateam dabei um von den beiden schweigeminuten zu berichten. aber er hat mir seine karte in die hand gedrückt und gesagt: "meld dich, und komm im studio vorbei, wenn du lust hast." 

es wird also in naher zukunft einen ausflug in ard-studio tel aviv geben.
 
letztendlich war das mit der sirene weniger beeindruckend als gedacht, denn da gerade sowieso alle ampeln rot waren, blieb kein auto beim ertönen der sirene stehen - sie standen einfach alle schon. viel beeindruckender war das ende der zwei minuten: alle setzen sich einfach wieder in bewegung, das kind will weiterhin ein eis haben, das pärchen setzt den streit genau an der stelle fort, an dem er vor zwei minuten unterbrochen worden war, der markverkäufer bietet wieder lautstark seine ware an. 

als wäre das land wirklich einfach für zwei minuten angehalten worden.

Sonntag, 15. April 2012

Samstag, 14. April 2012

es ist so heiß, meine flasche ist leer und die siedlerkinder werfen steine

nachdem ich bei meinem ersten besuch in hebron und den hügeln drumherum auf internationale non-violent, pro-palästinensische aktivisten gestoßen bin, spiele ich mit dem gedanken, mich ihnen anzuschließen. facebook sei dank bin ich dann heute morgen relativ spontan ziemlich früh aufgestanden, und mit einer gruppe von taayush von jerusalem aus ins südliche westjordanland gefahren. in den "wilden westen israels", wie ich vor kurzem in einer zeitung gelesen habe.


es gibt in dieser gegend südlich von bethlehem ziemlich viele zionistische oder orthodoxe siedler, die das land, das laut den grenzen von 1967 den palästinensern gehört, für sich beanspruchen, und fleißig siedlungen bauen. das ziel dieser israelis: die vertreibung der seit generationen dort lebenden menschen, deren dörfer zum teil wesentlich älter sind als der staat israel selbst.


ein gesetz aus osmanischer zeit von 1858, das sowohl die briten als auch die jordanier übernommen haben, besagt, dass land, das mehr als drei jahre nicht bewirtschaftet wird, dem staat zufällt. jedoch gab es dieses gesetz bis 1967 nur auf dem papier. erst nachdem israel zu besatzermacht geworden war, wurde es auch praktisch umgesetzt. und um das ganze zu vereinfachen, wurde gesagt: überall dort, wo die erde zu mehr als 50% von steinen durchsetzt ist, kann man gar nichts anbauen. dieses land ist also automatisch staatsgebiet. bei vielen hügeln (und diese gegend besteht aus hügeln), ist es so, dass die obere hälfte, sehr steinig ist. und um es also noch weiter zu vereinfachen, hat man gesagt: alle hügelkuppen sind steinig, also kann dort nichts angebaut werden, also ist dieses land automatisch staatsgebiet. wie praktisch, dass man von den hügelkuppen die ganze umgebung im blick hat.
dass die palästinenser in dieser gegend aber nicht nur bauern, sondern auch schafhirten sind, und dass schafe durchaus den einen oder anderen grashalm zwischen den steinen finden, und man sie dort weiden kann, wird außer acht gelassen.


nun sind aber aber noch die täler zwischen den hügeln übrig, die voll von palästinensischen dörfern oder sogar städten sind. wie außerordentlich störend für die jüdischen siedler, die von einem "sauberen" groß-israel inklusive judäa und samaria träumen. ihre nicht gerade diskrete taktik um dieses problem zu lösen: sie greifen die palis so lange an, zerstören so lange ihre olivenbäume, kappen so lange ihre stromleitungen und klauen so lange ihre schafe, bis sie von allein gehen. unterstützung haben sie bei diesem unterfangen von der armee, die in großer zahl im westjordanland abgestellt ist, um die siedler zu schützen.  (ja, die siedler.)


kommt also ein schäfer, der ja, wie überall sonst auf der welt, meistens allein mit seinen schafen unterwegs ist, zu einem zu stück land, dass zu nah an der nächsten siedlung, oder auch nur zu nah an der straße, die zur nächsten siedlung führt, liegt, fährt ein militärjeep vor, aus dem vier oder sechs bewaffnete soldaten aussteigen, und ihm die rote karte zeigen.
wäre ich ein schäfer, ich würde in dieser situation auch gucken, dass ich meine schafe nehme, und gehe. und beschweren kann man sich nicht. bei wem denn?
aus diesem grund sind seit ein paar jahren linke israelische und internationale aktivisten in dieser gegend unterwegs, manche kommen nur für einen tag, manche ziehen direkt in eine wohnung in der nächsten palästinensischen stadt und bleiben mehrere monate. sie verfolgen eine ausdrücklich gewaltfreie herangehensweise, ihre waffen sind digicams. sie gehen mit den schäfern schafe hüten, pflücken mit den farmern oliven oder bringen die kinder aus den palästinensischen dörfern in die schule in der nächsten stadt. (letzteres ist nötig geworden, seit siedler nicht einmal mehr vor den minderjährigen halt gemacht, und kinder auf dem schulweg mit steinen beworfen und verprügelt haben. erwachsene siedler wohlgemerkt.)
wenn sich tatsächlich mal jemand getraut hat, einen siedler aus diesem grund anzuzeigen, wurde er von der zuständigen instanz direkt lügen gestraft: "erzähl nichts, dein mann hat dich und dein kind geschlagen, ihr seid doch araber, die machen sowas doch ständig."


seit  die aktivisten da sind, einfach nur anwesend, und alles filmen, was nicht ganz koscher ist, überlegen sich die siedler und auch die soldaten zwei mal, was sie tun. denn sie können sicher sein, spätestens heute abend ist das video auf youtube und die fotos bei facebook zu sehen.


ich war heute zum ersten mal dabei, es war heiß und staubig und, ganz ehrlich, ein bißchen langweilig. die gruppe war bunt gemischt, vom 20jährigen idealisten voller tatendrang bis hin zu einem ehepaar bestehend aus zwei kibbuzniks in ihren 70ern. und offenbar wurde heute ein mittelgroßer "sieg" errungen. nachdem wir zwei stunden auf einer wiese herumsaßen, es immer wieder zu diskussionen zwischen den soldaten, den schäfern und den sprechern der aktivisten kam, ist man überein gekommen, dass dieser eine spezielle schäfer von jetzt an diese wiese für seine schafe nutzen kann.
auf dem rückweg hat er mir erzählt, dass es sich bei der wiese um sein eigenes land handelt, er sich aber seit 10 (!) jahren nicht mehr dort hingetraut hat, seitdem die danebenliegende siedlung ausgebaut wurde, und seine wiese damit in den nicht zu betretenden sicherheitsabstand gerutscht ist.


später haben wir noch eine wanderung unternommen, sozusagen als demonstration: wir sind hier, wir gucken uns die olivenbäume an, die ihr abgeschnitten habt, wir fotografieren das neue haus, das ihr gebaut habt. bei dieser wanderung sind wir sehr nah an einem "outpost", also einer ansammlung illegaler häuser, die sich früher oder später zu einer siedlung entwickeln werden, vorbei gekommen. je näher wir kamen, umso mehr soldaten liefen neben und her. zum schluss waren es 14 an der zahl, zusätzlich fuhren drei militärjeeps hinter uns her, auch einige siedlerkinder kamen aus den häusern. aus dem schutz der bäume heraus haben sie sich sogar getraut, steine nach uns zu werfen. ich habe allerdings nur einen gesehen und ein paar weitere gehört, getroffen wurde niemand. 


als wir gerade beschlossen hatten, die rückfahrt nach jerusalem anzutreten, kam ein hilferuf von einem schäfer: seine tiere werden mit steinen beworfen. also zurück. bei unserem eintreffen hatte sich die sache allerdings schon erledigt: nachdem der schäfer ein paar schritte auf die mit steinschleudern (!) bewaffneten kinder zugerannt ist und sie auf arabisch angeschrieen hat, haben sie die flucht ergriffen. sehr tapfer, die kleinen.


auf der autobahn, kurz vor bethlehem, kamen uns plötzlich gruppen von ultraorthodoxen männern im sonntagsstaat (sorry, im shabat-outfit) entgegen. zu fuß, auf dem seitenstreifen.  wo sie hin wollten, konnte sich niemand von uns erklären. bis nach jerusalem hinein kamen sie uns entgegen, unglaublich viele. 
"vielleicht wissen die etwas, was wir nicht wissen", sagte jemand im bus.
"ja," kam als antwort, "die wissen, glaube ich, einiges, was wir nicht wissen."

Mittwoch, 11. April 2012

das zweite kunstbesetzte haus

erinnert sich jemand an meinen post vom 19. oktober? guerilla-ausstellung, leeres haus, konzert im pool? 
jetzt, ein halbes jahr später ist es wieder so weit: bait rek II.  

knapp sechs monate lang wurde schutt weggeräumt, strom- und wasserleitungen gelegt, türen aus- und fenster eingebaut. (ich selbst war nur in den letzten drei wochen zum finalen saubermachen dabei und habe mir die eine oder andere staubvergiftung zugezogen).
auf drei etagen und an drei tagen gab es jetzt konzerte, performances, bilder, drucke, fotos, videos, installationen, djs und eine bibliothek, die bleiben wird, wenn wir das haus wieder verlassen. 
 
in den vergangenen 20 jahren wurde das haus mehrfach zum schauplatz für filmdrehs für studenten der tel aviver filmhochschule, und jetzt wurde ein raum als kino umfunktioniert, in dem man genau diese filme sehen konnte. 
 
seit jahren wird darüber diskutiert, was mit diesem seit mehr als 25 jahren leerstehenden haus passieren soll, aber es ist noch nicht einmal richtig klar, wem es eigentlich gehört. vor zwei jahren wurden pläne für ein hotel an dieser stelle gemacht, aber passiert ist nichts. bis zum eröffnungstag. wir kamen morgens, bereit, das tor endlich aufzubrechen (bis dahin hieß täglich über den zaun klettern). aber es stand einfach schon offen. das ganze gelände voller bagger, kräne, bauarbeiter. neben dem haus: ein riesiges loch. wir eröffnen trotzdem. 
 
nachmittags trauen sich die bauarbeiter in die ausstellung, gucken sich die arbeiten an. und am nächsten morgen: alles, bis auf das loch und ein paar absperrbänder, verschwunden. strom und wasser funktionieren weiterhin. keine polizei. willkommen im empty house. 



(für die von euch, die in jerusalem sind: heute ist der letzte tag. kommt, zwischen 11 und 23 uhr.)