Samstag, 14. April 2012

es ist so heiß, meine flasche ist leer und die siedlerkinder werfen steine

nachdem ich bei meinem ersten besuch in hebron und den hügeln drumherum auf internationale non-violent, pro-palästinensische aktivisten gestoßen bin, spiele ich mit dem gedanken, mich ihnen anzuschließen. facebook sei dank bin ich dann heute morgen relativ spontan ziemlich früh aufgestanden, und mit einer gruppe von taayush von jerusalem aus ins südliche westjordanland gefahren. in den "wilden westen israels", wie ich vor kurzem in einer zeitung gelesen habe.


es gibt in dieser gegend südlich von bethlehem ziemlich viele zionistische oder orthodoxe siedler, die das land, das laut den grenzen von 1967 den palästinensern gehört, für sich beanspruchen, und fleißig siedlungen bauen. das ziel dieser israelis: die vertreibung der seit generationen dort lebenden menschen, deren dörfer zum teil wesentlich älter sind als der staat israel selbst.


ein gesetz aus osmanischer zeit von 1858, das sowohl die briten als auch die jordanier übernommen haben, besagt, dass land, das mehr als drei jahre nicht bewirtschaftet wird, dem staat zufällt. jedoch gab es dieses gesetz bis 1967 nur auf dem papier. erst nachdem israel zu besatzermacht geworden war, wurde es auch praktisch umgesetzt. und um das ganze zu vereinfachen, wurde gesagt: überall dort, wo die erde zu mehr als 50% von steinen durchsetzt ist, kann man gar nichts anbauen. dieses land ist also automatisch staatsgebiet. bei vielen hügeln (und diese gegend besteht aus hügeln), ist es so, dass die obere hälfte, sehr steinig ist. und um es also noch weiter zu vereinfachen, hat man gesagt: alle hügelkuppen sind steinig, also kann dort nichts angebaut werden, also ist dieses land automatisch staatsgebiet. wie praktisch, dass man von den hügelkuppen die ganze umgebung im blick hat.
dass die palästinenser in dieser gegend aber nicht nur bauern, sondern auch schafhirten sind, und dass schafe durchaus den einen oder anderen grashalm zwischen den steinen finden, und man sie dort weiden kann, wird außer acht gelassen.


nun sind aber aber noch die täler zwischen den hügeln übrig, die voll von palästinensischen dörfern oder sogar städten sind. wie außerordentlich störend für die jüdischen siedler, die von einem "sauberen" groß-israel inklusive judäa und samaria träumen. ihre nicht gerade diskrete taktik um dieses problem zu lösen: sie greifen die palis so lange an, zerstören so lange ihre olivenbäume, kappen so lange ihre stromleitungen und klauen so lange ihre schafe, bis sie von allein gehen. unterstützung haben sie bei diesem unterfangen von der armee, die in großer zahl im westjordanland abgestellt ist, um die siedler zu schützen.  (ja, die siedler.)


kommt also ein schäfer, der ja, wie überall sonst auf der welt, meistens allein mit seinen schafen unterwegs ist, zu einem zu stück land, dass zu nah an der nächsten siedlung, oder auch nur zu nah an der straße, die zur nächsten siedlung führt, liegt, fährt ein militärjeep vor, aus dem vier oder sechs bewaffnete soldaten aussteigen, und ihm die rote karte zeigen.
wäre ich ein schäfer, ich würde in dieser situation auch gucken, dass ich meine schafe nehme, und gehe. und beschweren kann man sich nicht. bei wem denn?
aus diesem grund sind seit ein paar jahren linke israelische und internationale aktivisten in dieser gegend unterwegs, manche kommen nur für einen tag, manche ziehen direkt in eine wohnung in der nächsten palästinensischen stadt und bleiben mehrere monate. sie verfolgen eine ausdrücklich gewaltfreie herangehensweise, ihre waffen sind digicams. sie gehen mit den schäfern schafe hüten, pflücken mit den farmern oliven oder bringen die kinder aus den palästinensischen dörfern in die schule in der nächsten stadt. (letzteres ist nötig geworden, seit siedler nicht einmal mehr vor den minderjährigen halt gemacht, und kinder auf dem schulweg mit steinen beworfen und verprügelt haben. erwachsene siedler wohlgemerkt.)
wenn sich tatsächlich mal jemand getraut hat, einen siedler aus diesem grund anzuzeigen, wurde er von der zuständigen instanz direkt lügen gestraft: "erzähl nichts, dein mann hat dich und dein kind geschlagen, ihr seid doch araber, die machen sowas doch ständig."


seit  die aktivisten da sind, einfach nur anwesend, und alles filmen, was nicht ganz koscher ist, überlegen sich die siedler und auch die soldaten zwei mal, was sie tun. denn sie können sicher sein, spätestens heute abend ist das video auf youtube und die fotos bei facebook zu sehen.


ich war heute zum ersten mal dabei, es war heiß und staubig und, ganz ehrlich, ein bißchen langweilig. die gruppe war bunt gemischt, vom 20jährigen idealisten voller tatendrang bis hin zu einem ehepaar bestehend aus zwei kibbuzniks in ihren 70ern. und offenbar wurde heute ein mittelgroßer "sieg" errungen. nachdem wir zwei stunden auf einer wiese herumsaßen, es immer wieder zu diskussionen zwischen den soldaten, den schäfern und den sprechern der aktivisten kam, ist man überein gekommen, dass dieser eine spezielle schäfer von jetzt an diese wiese für seine schafe nutzen kann.
auf dem rückweg hat er mir erzählt, dass es sich bei der wiese um sein eigenes land handelt, er sich aber seit 10 (!) jahren nicht mehr dort hingetraut hat, seitdem die danebenliegende siedlung ausgebaut wurde, und seine wiese damit in den nicht zu betretenden sicherheitsabstand gerutscht ist.


später haben wir noch eine wanderung unternommen, sozusagen als demonstration: wir sind hier, wir gucken uns die olivenbäume an, die ihr abgeschnitten habt, wir fotografieren das neue haus, das ihr gebaut habt. bei dieser wanderung sind wir sehr nah an einem "outpost", also einer ansammlung illegaler häuser, die sich früher oder später zu einer siedlung entwickeln werden, vorbei gekommen. je näher wir kamen, umso mehr soldaten liefen neben und her. zum schluss waren es 14 an der zahl, zusätzlich fuhren drei militärjeeps hinter uns her, auch einige siedlerkinder kamen aus den häusern. aus dem schutz der bäume heraus haben sie sich sogar getraut, steine nach uns zu werfen. ich habe allerdings nur einen gesehen und ein paar weitere gehört, getroffen wurde niemand. 


als wir gerade beschlossen hatten, die rückfahrt nach jerusalem anzutreten, kam ein hilferuf von einem schäfer: seine tiere werden mit steinen beworfen. also zurück. bei unserem eintreffen hatte sich die sache allerdings schon erledigt: nachdem der schäfer ein paar schritte auf die mit steinschleudern (!) bewaffneten kinder zugerannt ist und sie auf arabisch angeschrieen hat, haben sie die flucht ergriffen. sehr tapfer, die kleinen.


auf der autobahn, kurz vor bethlehem, kamen uns plötzlich gruppen von ultraorthodoxen männern im sonntagsstaat (sorry, im shabat-outfit) entgegen. zu fuß, auf dem seitenstreifen.  wo sie hin wollten, konnte sich niemand von uns erklären. bis nach jerusalem hinein kamen sie uns entgegen, unglaublich viele. 
"vielleicht wissen die etwas, was wir nicht wissen", sagte jemand im bus.
"ja," kam als antwort, "die wissen, glaube ich, einiges, was wir nicht wissen."

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