Dienstag, 28. Februar 2012

halbzeit

achtundzwanzigster februar - die hälfte meines aufenthaltes im nahen osten ist um. 
das zweite semester hat gerade angefangen, und ich habe schon den ersten kurs wieder abgebrochen. (vielleicht hör' ich beim nächsten mal einfach auf ratschläge, die mir gegeben werden...)
ich bin übrigens bei weitem nicht die einzige, die beschlossen hat, länger zu bleiben. 
 
auch die sprachschule hat wieder angefangen, und obwohl dort die ferien nur zwei wochen gedauert haben, haben wir uns alle verhalten wie klassenkameraden in der grundschule, die sich nach endlosen sommerferien endlich wiedersehen. 
(ich bin jetzt mit dem katholischen priester aus kolumbien bei facebook befreundet).
in der pause kam ein ultraorthodoxer jugendlicher ganz lässig mit seinem longboard die straße entlanggerollt. mit seiner zigarette hat er sich fast die rechte schläfenlocke angesenkt - ob seine eltern das wissen? 
 
heute war tag der offenen tür in der bezalel akademie, und ich habe noch nie so viele soldaten zwischen den ateliers und werkstätten herumlaufen sehen. (...wenn ich es mir recht überlege, habe ich dort überhaupt noch nie soldaten gesehen.) 
es gab einen markt, auf dem man die dinge, die die produktdesigner im letzten semester entworfen haben, kaufen konnte, und ich habe dieses wunderbare behältnis für meine stifte erstanden. 

(im hintergrund auf beiden fotos: meine zweite mitbewohnerin. die lauteste katze, die ich je kennengelernt habe.)


Donnerstag, 23. Februar 2012

final destination: central bus station, tel aviv

von der central-bus-station in tel aviv habe ich schon gehört, bevor ich überhaupt mein flugticket nach israel gekauft habe. und gewesen bin ich dort schon etliche male, denn außerhalb des eigentlichen bahnhofs befindet sich die endhaltestelle des sheruts, mit dem ich von jerusalem nach tel aviv fahre. diese woche habe ich mich zum ersten mal ins innere dieses monstrums getraut. 
 
ein riesiges gebäude mit sieben etagen und die straßenebene ist die vierte. das heisst, es gehen von dort aus drei nach oben und drei unter die erde. vier dieser etagen dienen tatsächlich als bussteige, der rest ist eine art riesiges, unüberschaubares einkaufszentrum.
die verschiedenen etagen werden durch ein wirres system von insgesamt 29 rolltreppen kreuz und quer miteinander verbunden, es ist laut und dreckig. bis 2010 war dies der größe busbahnhof der welt, dann wurde ein größerer in indien gebaut. 
 
läuft man die gänge entlang, entfernt man sich bald von den leuchtenden schaufenstern mit billigen tshirts made in fernost und der blechern klingenden popmusik, die aus den rostigen lautsprechern schallt. dunkler und ruhiger ist es weiter hinten. unzählige ladenlokale stehen leer und durch die fast blinden scheiben kann man die verstaubten reste der ehemaligen einrichtung erkennen. hier und da gibt ein kaum zu entziffernder rest einer beschriftung auskunft über  die vergangene nutzung des dahinterliegenden raumes. leere fastfood-verpackungen liegen auf dem boden des nicht enden wollenden korridors, teilweise von staub bedeckt. 
 
dann plötzlich licht von der seite, stimmen, geräusche. eine lücke zwischen den ladenlokalen gibt den blick frei auf die darunterliegende etage. man sieht geschäftiges treiben, menschenmassen, hört technoklänge aus einem schuhladen, leierndes gedudel batteriebetriebener kinderspielzeuge und kann sich einer wolke aus pizza- und falafelgeruch nicht entziehen. das alles nur wenige meter unterhalb der endzeit-szenerie in der ich mich befinde. 
und überall gelbe hinweisschilder, die mit pfeilen in die richtung des nächstgelegenen schutzbunkers zeigen.
 
glaubt man, das ende des flurs erreicht zu haben, täuscht man sich, denn das ende bezieht sich nur auf die richtung. blickt man um die ecke, erstreckt sich ein ein neuer, ebensolanger gang vor einem. hier und da sitzgelenheiten für wartende passagiere, ticketschalter, aber alles verwaist. es gibt eine etage, die seit 1998 nicht mehr von bussen angefahren wird. und offenbar wurde nie über eine nutzungsänderung nachgedacht. 
 
man hat den eindruck, als befände man sich innerhalb eines lebenden organismus, wenn man sich eine weile an diesem ort aufhält. die unübersichtlichkeit einer großstadt in einem entwicklungsland gepaart mit werbebotschaften aus dem 21. jahrhundert. es gibt niemanden, der den überblick über die verschiedenen ebenen des gebäudes hat. wie auch, bei eine gesamtfläche von 230.000m²?
so war es allein im jahr 2010 schauplatz eines mordes und drei vergewaltigungen. 
 
im ärmsten stadtteil von tel aviv gelegen ist der rund um die uhr geöffnete busbahnhof natürlich anziehungspunkt für allerlei nachtgestalten und gescheiterte persönlichkeiten. drogen, alkohol, prostitution, nur ein paar meter neben, ober- oder unterhalb der schaufenster, die mit riesigen hello-kittys oder actionfiguren kleine kinder dazu bringen, mit großen augen an der scheibe zu kleben und taub zu sein für die hektischen stimmen ihrer erziehungsberechtigen. 
 
im januar diesen jahres hat der betreiber der central-bus-station angeblich insolvenz angemeldet.

Mittwoch, 22. Februar 2012

wer ist eigentlich julia?

einer überraschenden einladung einer kommilitonin, die ich bislang für sehr menschenscheu gehalten habe, gefolgt, habe ich mich vorgestern mal wieder in richtung haifa begeben. 
 
wir haben uns en hod angesehen, das künstlerdorf, das mir schon so viele empfohlen haben. ich nehme an, dass es am anfang, in den 60ern, ein spannender ort gewesen sein muss. aber heute leben dort eine ansammlung von leuten, die romantisch-kitschige ölbilder vom bergpanorama drumherum oder vom mittelmeer malen, und an touristen verkaufen, die damit ihr interesse an zeitgenössischer kunst zum ausdruck bringen.
möglicherweise tu' ich dem ort unrecht, denn viele ateliers waren geschlossen als wir da waren, und vielleicht hat sich die große kunst vor uns versteckt. ich glaub's aber eher nicht. 
 
später in haifa haben wir dann carl getroffen, den ehemaligen weimarer, den ich bei meinem erst ausflug in diese stadt kennengelernt habe, und wurden eingeladen, mit ihm ins theater zu gehen. praktischerweise arbeitet seine freundin am einlass.
es ist hier im theater üblich, dass auf einer anzeigetafel über der bühne untertitel angezeigt werden, wie in deutschland z.b. bei einer oper auf italienisch. da aber in haifa so viele russen leben, gab es die übersetzung auf russisch, nicht auf englisch. war aber nicht schlimm, verstanden, worum es geht, habe ich trotzdem. und überhaupt: es gab alle elemente, die ein gutes theaterstück ausmachen: jemand war nackt auf der bühne und ein schuss ist gefallen. was will man mehr? 
 
am nächsten tag sind wir nach tel aviv gefahren, und zwar mit dem zug. und die züge hier, naja, kamen mir extrem bekannt vor. sie sind rot und doppelstöckig und auf den gepäckablagen über den sitzen ist kein platz für gar nichts. nur das "db"-zeichen ist durch das der "rakevet israel" ersetzt. allerdings hat mich der nrw-express noch nie in tel aviv rausgelassen (was zu überlegen wäre), und mir hat auch zuhause noch nie jemand seine waffe in die seite gedrückt, wenns eng wird, beim aussteigen. 
 
den rest des tages habe ich allein mit meinem freund william s. burroughs am strand verbracht, und habe mir was über drogen erzählen lassen. 
 
und wer ist eigentlich julia? das würde ich auch gern wissen. in haifa wurde ich von jemandem angesprochen, der davon überzeugt war, ich sei julia. er wollte mir auch erst nicht glauben, als ich sagte, dass dem nicht so ist. und ich dachte, ok, er hat mich halt verwechselt. gestern dann, fast 100km entfernt in tel aviv, wurde ich schon wieder für julia gehalten. wenn mich heute jemand in jerusalem mit julia anspricht, werde ich nähere erkundigungen einziehen.

Sonntag, 12. Februar 2012

Samstag, 11. Februar 2012

willkommen in ashdod, dem mediterranen außenposten der sowjetunion.

ashdod. 24°c, sonne. eine der unpersönlichsten städte, die ich je gesehen habe. vielleicht sogar die unpersönlichste. das erste was ich sah und dachte, als der bus die autobahn verließ und in die stadt hineinrollte, war: 
das kenn ich doch, das sind doch... plattenbauten! 
und wirklich. exakt die gleichen gebäude wie zum beispiel in leipzig-grünau oder in berlin-marzahn. und an jeder ecke hört man russische wortfetzen. bin ich überhaupt noch in israel?

meine couchsurfing-gastgeber waren sehr nett. ein pärchen, ungefähr in meinem alter. sie holt mich am busbahnhof ab, und war die erste weibliche person in israel zu der ich aufschauen musste.
"und, was machst du so?"
"ich spiele basketball"
ah! das hätte ich mir auch denken können...
auf dem weg nach hause erzählt sie mir, dass sie mit ihrem freund zusammen wohnt, und ich frage mich: WO in diesem land hast du einen so großen mann gefunden?
die frage hat sich allerdings erledigt, als er uns die tür aufmacht, und ihr bis knapp über die schulter reicht.
"kommst du mit einkaufen? wir müssen uns beeilen, bald machen die geschäfte zu. und wir brauchen noch zutaten fürs shabat-dinner."
"ja, klar, warum nicht. aber..."
"nein, keine sorge. wir sind nicht religiös. aber shabat-dinner, das muss schon sein."
nach dem einkauf kriege ich dann noch eine stadtführung vom auto aus, inkl. strand und der mittelalterlichen festung in den dünen. (wow. kein plattenbau!)
abends beim essen fing er dann aus heiterem himmel eine diskussion über kreationismus vs. evolution an. ("nein, keine sorge, wir sind nicht religiös"?!) sie dagegen war mit mir einer meinung, versuchte aber mit allen mitteln, nicht mit ihm zu streiten.
schönes bild: dieses riesige mädchen hält die hand ihres kleinen freundes und redet beruhigend auf ihn ein, während er im laufe des gesprächs zwei mal seinen stuhl verlässt, um im stehen weiterzureden.
nach dem essen hat niemand mehr auch nur ein wort über dieses thema verloren.

am nächsten morgen, mache ich mich allein auf, um die stadt mit der camera zu erkunden.
ashdod ist eine stadt vom reißbrett, komplett geplant ende der 50er jahre. und da sie kurz nach dem ende der sowjetunion von neuen einwanderern überschwemmt wurde und und sich die einwohnerzahl innerhalb von 10 jahren verdoppelt hat (auf ca 200.000), wurde in dieser zeit noch viel mehr gebaut. (da ist die erklärung für das viele russisch, das in der luft liegt.) 
die neuen gebäude stehen den alten plattenbauten aus der ersten bauphase in nichts nach, sie sind nur etwas moderner. heißt im klartext: sie sehen aus wie riesige hotels, wie bettenburgen an den uferpromenaden der welt, geplant von einfallslosen architekten.
die stadt ist durchzogen von schnurgeraden, teilweise sechsspurigen Boulevards, auf deren mittelstreifen palmen in reih und glied stehen. die stadtteile sind praktischerweise nach dem alphabet benannt, und es würde mich nicht wundern, wenn die schulen durchnummeriert wären - wie in russland.
es gibt keine innenstadt. es gibt ein einen stadtteil, der sich "the city" nennt, und ungefähr im zentrum liegt. hier sieht es nicht anders aus als an jeder anderen stelle der stadt, außer dass die häuser im erdgeschoss ladenlokale beherbergen. da aber ihre schaufenster alle exakt die gleiche größe haben, ändert das nichts an der allgemeinen uniformität. sogar die leuchtreklame ist standardisiert.
cafés? restaurants? nichts als nationale ketten.
die wege in den parks sind mit dem lineal gezogen, die bäume und büsche haben jeweils den gleichen abstand zueinander. 
 
für das (immerhin vorhandene) museum haben sich die planer etwas ganz besonderes einfallen lassen: 
der eingang hat die form einer großen, gläsernen pyramide. 
das... hab ich doch auch schon mal irgendwo gesehen...
das innere des museums ist eine katastrophe. ich rede nicht von der ausstellung. ich rede vom gebäude an sich. ein wilder materialmix aus spanplatten (lackiert und unlackiert), weiß gestrichenem beton, marmor (geschliffen und ungeschliffen) und metallenen treppengeländern bzw. brüstungen in verschiedenen grautönen und oberflächen. dazu: keine rechen winkel, ständig durchbrochene wände, die den blick frei geben auf zwei verschieden treppen, die die drei etagen des ausstellungsraumes kreuz und quer duchziehen. im prospekt des museums steht: "die ungewöhnliche architektur des museums ist eine herausforderung, sowohl für den künstler als auch für den kurator." so kann man das natürlich auch sehen.
ansonsten gibt es nichts. was macht man, wenn man 16, 17, 18 ist? es gibt keine bars, kein ort für konzerte, an eine disco ist gar nicht zu denken. und es ist unglaublich sauber.

am nachmittag haben mich meine gastgeber dann mitgenommen zu einem ausflug in die dünen. dünen - voll mit dornenbüschen (gebrannt hat keiner) und anderem gestrüpp. wir sind querfeldein gewandert, und jetzt sehen meine stiefel endlich so aus, wie ich sie schon von anfang an haben wollte.
außer uns waren in diesen schier endlosen sandbergen auch noch andere menschen  unterwegs.
mit gelände-quads. allerdings sind sie eher wenig gefahren. meist hielten sie sich pärchenweise in der nähe eines fahrzeugs auf: er, slawischer typ, breitschultrig, glatze, sonnenbrille, mit verschränkten armen. sie, blondierter pferdeschwanz, demonstrativ kaugummikauend, glitzernde fingernägel und mit einer pinken kapuzenjacke aus nicki-material. dass auch hier russisch gesprochen wurde, muss ich nicht erwähnen.

am abend bin ich zurück nach hause gefahren. und ich denke, zwei tage ashdod sind genug. für die komplette zeit meines aufenthaltes hier.


(fotos folgen)

Donnerstag, 9. Februar 2012

kunst. auf der haut. auf der leinwand. hinter den kulissen. überall kunst.

dank einer mittlerweile recht guten freundin von mir hatte ich diese woche jede menge kunst. vor zwei oder drei wochen haben wir uns darüber unterhalten, ob es maler gibt, die uns als vorbilder dienen, und wenn ja, welche das sind. sie war sehr überrascht davon, dass ich die meisten künstler, deren arbeiten ich mag, gar nicht persönlich kenne. "warum rufst du sie nicht einfach an? dann könnt ihr euch verabreden. ihr könnt essen gehen und euch über die bilder unterhalten, oder euch direkt im atelier treffen."
ja, klar. nichts einfacher als das...
"nein, wirklich! ich hab das schon ganz oft gemacht. ich nehm dich beim nächsten mal einfach mit."
dienstag bin ich dann also nach tel aviv gefahren. abends waren wir in einem teil des dortigen museums, wo gerade eine wunderbare ausstellung mit aktueller malerei aus berlin zu sehen ist - hab ich ein bißchen heimweh? 
 
bei jedem ausflug nach tel aviv erinnert mich diese stadt mehr an eine kleine, dreckige, heruntergekommene version von new york. und am mittwoch, als wir nach dem aufstehen eine galerie in einem industriegebiet zwischen shapira und florentin im süden der stadt besucht haben, war dieser eindruck ganz besonders groß. und er wurde auch nicht kleiner, als wir ein riesiges gebäude betraten, das zur hälfte als parkhaus dient, und zur anderen hälfte, hinter riesigen schiebetüren aus stahl, ateliers in sich versteckt. dort waren wir dann. zwar nicht bei dem künstler, zu dem wir vorranging wollten (denn der befindet sich gerade im echten new york), aber bei jemand anderem. 
kaffee, kekse, bilder gucken. es war super.
ich hab beschlossen, ich probier das auch, wenn ich wieder in deutschland bin. matthias, tilo, neo, ich finde euch :-) aber bis dahin gibt es hier noch einige maler, denen wir in den nächsten wochen einen besuch abstatten.
 
vor mittlerweile vier wochen habe ich mich, ebenfalls in tel aviv, tätowieren lassen. und ich hab völlig vergessen, es zu erzählen. ein leerer, (mehr oder weniger) gelber post-it ist es diesmal geworden, plaziert auf meinem linken unterarm. man braucht schließlich immer einen leeren zettel.
 
merkwürdige dinge, heute auf dem weg vom atelier nach hause: 
dass es sich bei dem auto, das mit einer so unbeschreiblichen langsamkeit um die ecke kroch, dass die intensität und laustärke der hupen der nachfolgenden autos kaum auszuhalten war, um einen fahrschulwagen handelt, habe ich auf den ersten blick gesehen. aber... wieso hängt da eine auf links gedrehte boxershorts am rechten außenspiegel? 
 
und ich konnte ein halb mitleidiges und halb amüsiertes grinsen nicht unterdrücken, als ein muezzin, an dessen moschee ich genau in dem augenblick vorbei ging, als er anfing zu singen, so heiser war, dass er fast anfing zu husten. mitten im "allahu akbar". der arme. und ich dachte, der gesang käme in den meisten fällen vom band... 
 
morgen früh mache ich mich von jerusalem wieder richtung westen auf, allerdings nicht schon wieder nach tel aviv, sondern nach ashdod. auch am mittelmeer, aber ein paar kilometer weiter südlich. warum? ich hab das gefühl, ich verbringe hier viel zu viel zeit zuhause in jerusalem, es gibt noch so wahnsinnig viele orte in diesem land, die ich in den letzten viereinhalb monaten links liegen gelassen habe. zum beispiel ashdod. und außerdem ist beim dortigen museum of art der eintritt frei.
wenn das nicht grund genug ist.