Sonntag, 1. Juli 2012

wir sind das volk


ich bin gestern, eher ungeplant, in tel aviv auf dem habima-platz, am ende des rothschild-boulevards gelandet, von wo aus im letzten sommer, und jetzt wieder seit ein paar wochen die samstäglichen proteste starten. 

ich kam gegen halb sieben dort an, und der platz war voller menschen. familien mit kleinen kindern, fahrrädern, rollschuhen, picknickdecken, fußbällen, bobbycars und frisbeescheiben. 
bin ich hier überhaupt richtig?
eine halbe stunde später hatte sich eine gruppe polizisten, an einer ecke des platzes auf die bänke gesetzt, und tat nichts. es sah fast aus wie eine klassenfahrt der polizeiakademie.
eine weitere viertelstunde später hatte sich die gruppe vervielfacht, es waren jetzt mindestens fünfzig. 
doch, ich glaube, ich bin hier richtig.

langsam kommen mehr und mehr weißblaue polizeifahrzeuge, in allen größen und ausstattungen, vom roller bis zum mannschaftswagen und besetzen fast die komplette straßenseite des platzes. 
als dann ein reisebus, der mit großen lettern etwas von touren durchs heilige land verkündet, anhält, und eine weitere ladung bewaffneter ordnungshüter ausspuckt, habe ich aufgehört, ihre zahl zu schätzen. 


ein übertragungswagen eines landesweiten nachrichtensenders bezieht stellung, dann ein zweiter. dieser fährt eine imposante antenne aus, höher als die straßenlaternen, an deren spitze überwachungskameras in mehrere richtungen zeigen. 

die ersten eltern packen ihre sachen, die kinder müssen ins bett. 
nach und nach wird das gesamte bunte plastikspielzeug durch nicht weniger bunte pappschilder und durch viele schwarz-weiße anonymus-masken ersetzt, und der ü-wagen wird zur kinderattraktion schlechthin.
das blaulicht auf den autos der freunde und helfer mischt sich mit der untergehenden sonne und verbreitet eine merkwürdige stimmung. 

es ist bereits ganz dunkel, aber immer noch unglaublich heiss, als sich der menschenstrom, der die polizisten zahlenmäßig sehr schell überholt und hinter sich gelassen hat, in bewegung setzt. 

8.000 menschen, habe ich heute morgen in der zeitung gelesen. 
nach 800m auf zwei hauptstraßen, die feinsäuberlich für autos gesperrt sind, soll der zug ein ende haben. an einer großen kreuzug, etwa nach der hälfte der strecke, brechen einige hundert aus, halten die veranstaltung für karneval, und dass man von ordnern in gelben warnwesten höflich aufgefordert wird, doch wieder auf den vorgegebenen weg zurück zu kehren, stimmt natürlich niemanden um. 

wir sind genug, die gruppe ist groß und wir können auch so mitten auf der straße laufen, ohne dass etwas passiert. die meisten autofahrer, die uns sehen, winken uns zu, hupen im takt der sprechchöre, singen mit. 
zumindest die, die uns entgegen kommen, und deren fahrbahn wir nicht blockieren. 

die stimmung ist super. jede große kreuzung wird für ein paar minuten besetzt, und nur einige religiöse mitmenschen, die gerade, endlich, nach 24 stunden die freuden des autofahrens wieder erleben können, zeigen sich weniger erfreut. aber von der gewalt, die ich in den letzten beiden wochen in den nachrichten verfolgt habe, keine spur. 

wir wandern weiter durchs nächtliche tel aviv, und nach ungefähr vier stunden kommen wir wieder am rothschild-boulevard an. einige fangen an, zelte aufzubauen, aber es bleibt bei einer handvoll. zudem gibt es hitzige diskussionen darüber, welches megaphon das lauteste ist. 

ich kehre irgendwann zurück nach jerusalem. praktischerweise ohne straßenblockade. 


(das untere foto ist übrigens nicht von mir. nur so zur info. wer mich findet, kriegt ein eis.)

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