ich habe gestern um 9 das haus verlassen, um zur uni zu gehen, und bin heute um 14 uhr wieder nachhause gekommen. zwischendurch musste ich mich verkleiden, habe circa 400km mit dem bus zurückgelegt und hätte mich fast auf den falschen platz gesetzt.
aber der reihe nach.
aber der reihe nach.
gestern abend gab es mal wieder eine zeremonie, wie so oft in diesem land. diesmal "lag ba'omer". es werden überall lagerferuer angezündet, es wird gegrillt und getrunken, unter anderem als erinnerung an einen aufstand gegen die römer im zweiten jahrhundert.
ich war gerade mit ein paar freunden dabei marshmellows zu verbrennen, als jemand kundtat:
"also, ich fahre jetzt nach meron. kommt jemand mit?"
"moment," sag ich, "meron, meron, das kommt mir so bekannt vor, da war dieser text in meinem hebräischbuch, mit dreijährigen jungs, die zum ersten mal ihre haare geschnit..."
"vergiss dein hebräischbuch! das ist woodstock! nur mit schläfenlocken", sagt er und dreht die seinen um den finger.
ein blick aufs handy verrät mir, dass es schon kurz vor zwei ist. ich wollte längst schlafen. morgen ist doch uni... "wie kommen wir da hin? wie weit ist das?"
"bus! drei stunden. vielleicht vier, wenn stau ist."
mit dem bus? um diese uhrzeit? ob er sich da sicher ist? und so weit weg? aber egal, denke ich mir, ich komme mit. und das gemisch aus rotwein und arak in meinem kopf unterstützt mich darin.
du musst dich umziehen, kriege ich gesagt. tshirt und hose, das geht nicht. langer rock und lange ärmel. wenigstens hat dein tshirt keinen ausschnitt.
ich besitze überhaupt keinen langen rock, aber eine halbe minute später wird mir schon einer in die hand gedrückt.
wir fahren mit dem taxi zu ihm, er wohnt in einem kellerraum eines mehrfamilienhauses, und auf den zweiten blick sehe ich, dass es nicht etwa ein besonders hohes bettgestell ist, auf dem seine matratze thront, sondern fein säuberlich aufgereihte bücherstapel. eingeschweißte bücher, religiösen inhalts. das ganze zimmer, geschätzte zwei mal drei meter groß, ist voll davon.
"ich geh jetzt in die mikve. du bleibst hier." okay... wenn du das sagst.
eine halbe stunde später kommt er zurück und wir gehen. an der bushaltestelle warten wir ewig, es ist mittlerweile kurz vor drei, und alle fünf minuten kommt ein neuer reisebus und behauptet, der letzte zu sein. das problem ist nur: sie sind alle voll! wo kommen die her? und wieso halten die überhaupt an, wenn die doch sowieso keinen mehr einsteigen lassen. und wieso verdammt, sind so viele menschen genau jetzt, mitten in der nacht, auf dem weg nach meron?
die straßen sind voll von ultraorthodoxen, ich hab noch nie vorher so viel yiddish auf einmal gehört.
schließlich schaffen wir es, in einen bus einzusteigen. platz gibts nicht, wir legen uns auf dem mittelgang auf den boden.
nachdem alle meine körperteile einmal einzeln eingeschlafen sind, und ich nach zwei stunden als ganzes wieder wach bin, ist es hell draußen und der alkohol hat sich verflüchtigt. was tue ich eigentlich hier? ich fühle mich wie ein spion. solange sie glauben, ich bin eine von ihnen, ist alles in ordnung. zwei mädchen tuscheln über meine tätowierung am knöchel. glücklicherweise können sie die anderen nicht sehen.
es ist sechs uhr morgens, als wir ankommen, aber es wirkt ganz und gar nicht so wie auf einem festival am morgen nach dem haupt-abend. es sind tausende von menschen unterwegs. religiöse schriften werden verkauft, die nachmann-jünger tanzen zu ihrem lautstarken techno aus riesigen boxen, es gibt reihen von wasserhähnen aus denen man kaffee und tee zapfen kann. das essen ist umsonst und die müllberge riesig. als die müllabfuhr in jerusalem vor ein paar monaten für 10 tage gestreikt hat, sa es dort genauso aus... nur hierhat sich das alles innerhalb von noch nicht einmal 24 stunden angesammelt.
das herz des "festivalgeländes" bildet das grab von rabbi schimon ben jochai. hier ist die musik live und die menschenmassen strömen, und drängen sich, nach männlein und weiblein getrennt, in das innere der gebäudes vor. auf meiner seite sieht man nicht viel. man hört musik und getöse, aber alles, was man zu sehen bekommt ist ein weißer zaun, mindestens zwei meter hoch. die mädchen und frauen benutzen den zaun als improvisierte klagemauer und wippen, die thora im miniformat in der hand und den text murmelnd, mit dem oberkörper hin und zurück. ich bin groß genug um der kamera blind über den zaun zu fotografieren: drüben eine schwarze masse, dichtgedrängt tanzen die männer mit schwarzen anzügen, hüten und bärten.
ich kämpfe mich zur grabkammer vor, bleibe jedoch nur wenige sekunden. hunderte von frauen, aneinandergepresst, stehen und beten, tränen laufen über wangen, ich fühle mich fehl am platz und bin gleichzeitig total beeindruckt.
wieder draußen stoße ich auf mehrere bühnen, auf denen im laufe des tages verschiedene rabbiner sprechen werden. noch sind sie leer, und die zuschauerbänke sind bevölkert mit schlafenden, essenden oder betenden orthodoxen. auch hier: ich kann mich nicht erinnern, so viel müll und soviel nahrungsmittelverschwendung jemals auf einem haufen gesehen zu haben.
ich laufe kreuz und quer übers gelände, mache fotos, langsam wird es heiß. pulli auszie- ach nein, das darf ich ja nicht. gegen zehn hab ich genug. mag sein, dass es erst gegen mittag richtig, richtig voll wird, aber ich hab das gefühl, ich kann nicht mehr. eine mischung aus schlafmangel und der extremen intensität dieses ortes, dieser menschen hier, sorgen dafür, dass ich mich auf den weg zum bus mache. auch der weg zum bus ist nach frauen und männern getrennt, was für mich persönlich keinen sinn macht. auf einem großteil des geländes kann man gemeinsam rumlaufen, aber der weg zum bus ist beschildert, und securitymenschen mit neongelben westen sorgen dafür, dass die trennung auch eingehalten wird.
ich steige in den grünen egged-bus mit dem jerusalem-schild in der windschutzscheibe. ziemlich voll. in der dritten reihe ist ein platz frei, und ich frage, ob ich mich setzen darf. keine reaktion seitens des gefragten, aber ich spüre wie mich mindestens acht, von schläfenlocken eingerahmte augenpaare aus der nächsten umgebung anstarren. eine halbe sekunde später dämmert es mir: das ungeschriebene gesetz, das besagt, dass frauen hinten im bus sitzen müssen, ist in linienbussen angreifbar - aber ganz bestimmt nicht in einem bus, der nur dafür da ist, menschen von einem ultraorthodoxen festival zurück in die heilige stadt zu bringen. ich murmle etwas von entschuldigung und mache mich auf den weg in die vorletzte reihe.
das mit der uni hat sich für heute erledigt. ich werde jetzt erstmal schlafen gehen.
(fotos folgen)
Interessant, eine Geschichte die es verdient bei einem guten Bier immer wieder erzählt zu werden. Wobei sie mich an die Afrikaforscher des 19. Jahrhunderts erinnert, die, um nicht getötet zu werden, wenn sie im islamischen Norden Afrikas unterwegs waren sich als Beduinen verkleidetetn und z.T. sehr lange für ihre Rollen trainiert haben. Einer von ihnen soll es sogar in die Kaaba nach Mekka geschaft haben, aber der Name ist mir entfallen... Jedenfalls scheinst Du eine interessante Undercovererfahrung gemacht zu haben. Wenn Du wieder in Deutschland bist erwarte ich einen ausführlichen mit Fotos gestützen Bericht ;), zu dem ich dann meinen Senf dazugeben kann ;)).
AntwortenLöschenLg, Scheibling